Redebeitrag auf der Antifa Demo in Erftstadt

Wir dokumentieren im folgenden einen Redebeitrag den wir auf der Antifa Demo am 22. August in Erftstadt gehalten haben:

Wenn hier heute in Erftstadt gegen Neonazis demonstriert wird, ist das eine unterstützenswerte und richtige Maßnahme gegen die erstarkenden Nazistrukturen im Rhein – Erft – Kreis. Denn Nazis, egal welcher Couleur, stellen wohl den widerlichsten Ausdruck der deutschen Ideologie dar und sind deshalb auf allen Ebenen zu bekämpfen. Vergessen werden darf trotzdem auch nicht, das nicht etwa Nazis, auch wenn sie für die von ihnen als Gegner_innen ausgemachten Menschen eine ernstzunehmende Gefahr darstellen, das primäre Problem sind, sondern die Verhältnisse, welche Ideologien wie Antisemitismus, Antiamerikanismus, Rassismus und Nationalismus immer wieder neu reproduzieren.

Die Gesellschaft in der wir leben ist eine kapitalistische. Das bedeutet zunächst das der Kapitalismus nahe zu sämtliche Vorgänge innerhalb des alltäglichen Lebens beherrscht und regelt. So werden alle hergestellten Güter einzig und allein zum Verkauf produziert und nehmen somit die Form einer Ware an. Auch die menschliche Arbeitskraft wird so zur Ware. Denn wer innerhalb des Kapitalismus ein halbwegs erträgliches Leben führen möchte , muss seine Arbeitskraft tagtäglich verkaufen, dieser Prozess ist Teil einer allumfassenden, abstrakten Herrschaft des Kapitalismus, welche von den Menschen als unumgänglich und damit als nicht überwindbar wahr genommen wird. Aufgrund dessen, wird die vermeintliche Naturhaftigkeit von Kapital, Staat und Ware nicht hinterfragt und so werden die in einer kapitalistischen Gesellschaft erzeugten Denkmuster immer wieder neu reproduziert. Problematischerweise werden allerdings die offensichtlichen negativen Seiten des Kapitalismus, beispielsweise Wirtschaftskrisen, die Ausbeutung von Menschen oder die soziale Ungleichheit zwischen Menschen, entweder schicksalsergeben ertragen oder im schlimmsten Fall nicht als logische Erscheinungsformen der kapitalistischen Gesellschaft wahr genommen, sondern auf einige vermeintlich „mächtige Strippenzieher“ projiziert, welche dann als Manager, Banker oder ähnliches auftreten. Da aber jedes Individuum, vom Arbeiter über Manager bis zum Kapitalisten, wenn auch in unterschiedlicher Weise, den kapitalistischen Prinzipien unterworfen ist und danach sein Handeln zu richten hat, ist ein solche Analyse nicht nur falsch und verkürzt sondern weist auch eine mehr als offene Flanke zu einem strukturellen Antisemitismus auf, dessen zugrundliegende Struktur die selbe ist wie beim richtigen Antisemitismus. Letzterer zeichnet sich gerade eben dadurch aus, dass er ökonomische Phänomene sowie gesellschaftliche Macht vermeintlichen oder tatsächlichen Juden und Jüdinnen zuschreibt und die Juden zum allgemeinen Bösen und zur quasi „Gegenrasse“ erklärt.
So waren es die Deutschen, welche aus dieser völkischen und antisemitischen Ideologie herraus die Juden als „Volksfeinde“ ausgemacht hatten und ihren Plan, sämtliches jüdisches Leben zu vernichten, in Form der Shoah in die Tat umsetzten.

Heute, mehr als 60 Jahre nach der Shoah, zeigt sich die postnazistische Bundesrepublik Deutschland, , als vermeintlich geläuterte und schuldbewusste Nation, welche aus der „Geschichte gelernt haben will“ und nun endlich wieder selbstbewusst sein kann, da man die Vergangenheit ja „aufgearbeitet“ hätte. Man möchte endlich wieder stolz auf Deutschland sein können und ein ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Nation haben, ein Verhältnis, in dem die deutsche Vergangenheit so gut wie vergessen ist, da sie ja „bewältigt“ sei. In solch eine Vorstellung von einem angeblich besseren und zivilisierten Deutschland passen dann Neonazis mit ihrem offenen daher kommenden Antisemitismus und Nationalismus natürlich nicht rein. So werden Nazis meist von den Vertreter_innen der demokratischen Zivilgesellschaft an den Rand eben dieser gedrängt und somit isoliert, da sie ja dem Ansehen Deutschlands und der Demokratie schaden. Jedoch sind deshalb im vermeintlich aufgeklärten Deutschland Antisemitismus und Rassismus nicht verschwunden. Denn diese Ideologien werden zwar von den sich als offen bekennenden Nationalsozialist_innen am konsequentesten und radikalsten vertretet, sind aber auch in den weitesten Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft anzutreffen, was jährliche empirische Untersuchungen sowie der normale deutsche Alltag immer wieder auf´s neue Belegen. So findet sich der Antisemitismus im Antizionimus und bei der vermeintlichen Kritik am Staat Israel wieder und der Rassismus kommt im kulturalistischen Gewand daher.

So bleibt also fest zu stellen, das sich antifaschistische Kritik und Praxis nicht nur in der Bekämpfung von Nazis erschöpfen darf, da dies sonst nicht anderes ist als eine radikale Variante des „besseren Deutschland“. Ein emanzipatorischer Antifaschismus muss genau so den alltäglichen Rassismus und Antisemitismus der deutschen Zivilgesellschaft bekämpfen und jegliche Verhältnisse die, Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus immer wieder hervorbringen, zugunsten einer befreiten Gesellschaft, kurzum dem Kommunismus, aufheben.

Deshalb bleibt es dabei: Nie wieder Deutschland! Kapitalismus abschaffen! Für den Kommunismus!