Eingangsreferat zu „Warum Israel“

Mit etwas Verspätung veröffentlichen wir an dieser Stelle unser Eingangsreferat zur der Vorführung des Films „Warum Israel“ am 11.06.2010.

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Die Unwetter der despektierlichen Vorwürfe, die angesichts der jüngsten Ereignisse nicht nur in der altbekannten Linken Journaille, vertreten durch „Junge Welt“, „TAZ“ und dergleichen, sondern auch in den bürgerlichen Medien brodeln und kochen, verweisen auf den aktuellen Zustand und Charakter der „Israelkritik“.
Losgelöst von jeglicher informationellen Begründetheit und mit offensichtlichem Desinteresse an einer abwägenden Beurteilung der Informationen, treten mit Urteilen wie „rechtswidrig“, „Mord“ und „Unverhältnismäßigkeit“ auch die Süddeutsche Zeitung und FAZ auf den Plan. Wie es um den Pazifismus dieser Friedensarmada wirklich bestellt war, die sich dem Hafen Gaza-Stadts zu nähern
versuchte, davon kann man sich durch das Anschauen einiger, von der IDF ins Internet gestellter Videoaufnahmen des Geschehens leicht überzeugen; so z.B., dass die auf dem betreffenden Boot, Mavi Marmara, sich befindenden „schlafenden Friedensaktivisten“,wie es in einer geschehensnahen Stellungnahme des “Free Gaza Movements” heißt, ein mit Messern, Eisenstangen und anderen schweren Schlagwerkwerkzeugen ausgestatteter Mob war, der nicht zögerte, seine Friedensbereitschaft unverzüglich unter Beweis zu stellen. Mit äußerster Aggressivität, Schlägen
und Tritten, die allesamt geeignet sind, das Leben in Gefahr zu bringen, wurden die zu diesem Einsatz nur leicht bewaffneten israelischen Soldaten begrüßt. Auch der Umstand, dass sich mindestens drei Personen an Bord des Schiffes befanden, die bereit waren, als “Märtyer” zu sterben, lässt an positiven Zielen der Aktion zweifeln. Die mehr als haarsträubende Tatsache hingegen, dass die Hamas nun die Annahme der auf Waffen und Sprengstoff hin kontrollierten Ware der geenterten Schiffe verweigert, war jedoch keiner Zeitung mehr als eine kleine Meldung wert. Zwar ließe sich hierdurch zur Reinheit bringen, wie sehr es der Flotte wirklich um angeblich “humanitäre” Ziele ging – nämlich, dass sie alleinig darauf ausgerichtet war, das israelische Militär vehement zu provozieren und die Seeblockade zu durchbrechen – bei der einseitigen Berichterstattung der meisten Printmedien schien das jedoch nicht von größerem Interesse. Doch erkenntnisresistent gegenüber der Mehrdimensionalität des Konflikts auf der Mavi Marmara war offenbar auch die Nachrichtenagentur Reuters. Sie veröffentlichte am vergangenen Montag manipuliertes Bildmaterial der Eskalation, indem sie die erkennbar bewaffneten Demonstranten einfach aus den Bildern herausschnitt. Zu sehen waren nur noch die sich im Tumult Unbewaffneter befindenden israelischen Soldaten. Einen ähnlichen Sinn für objektive Berichterstattung bewies die Agentur schon 2006, während des Libanon Krieges, durch die Zurverfügungstellung von in dieser Weise veränderten Bildern. Was all diesen Dingen gemein ist, um nun die Ebene zu wechseln, ist ein Vorab an Schärfe und Missachtung, das sich nicht aus einer Kritik an irgendeinem Vorgehen der IDF oder der israelischen Regierung ableitet oder jemals ableiten ließe. Wenn beispielsweise die „Junge Welt“ die Enterung der Free-Gaza-Schiffe innerhalb von weniger als 24 Stunden als „Piratenakt“ und „Massaker“ beschreibt, so kann sie dies objektiv nicht auf der Basis der spärlichen Informationen über das Geschehen tun. Etwas anderes ist hierbei immer schon mitgedacht und dieses andere nur kann Quelle genau solcher Einschätzungen sein. Es geht also um ein Apriori der Schuldzuweisung und Verurteilung gegenüber allem, was Israel – sei es auf diplomatischem, sei es auf militärischem, sei es auf irgendeinem anderen Weg – jemals gemacht hat oder machen kann. Ein Verdacht meldet sich an: Die Rede ist von Antisemitismus. Die
als “Israelkritiker” getarnten Antisemiten interessieren keine Fakten, denn Antisemitismus funktioniert eben dort, wo die Fakten zugunsten einer Projektion und Irrationalität beiseite geschoben werden. Israel findet sich dabei einer loose-loose-Situation gegenübergestellt. Lässt es die Schiffe gewähren, wird es als schwach und überführbar verspottet, bestätigt durch das Gewähren-lassen sogar gewissermaßen die vorgeworfene
Falschheit der Gaza-Politik und riskiert zudem, dass über diesen Weg Waffen an die Hamas gelangen könnten; verhindert es hingegen ein Eindringen der Schiffe in die Sperrzone und nimmt dabei gezwungenermaßen die Folgen eines solchen Unternehmens in Kauf, eine bewaffnete Auseinandersetzung, so folgt das, wovon wir im Moment Zeuge werden können: Eine politische und zivilgesellschaftliche Verurteilung als Unrecht produzierender Verbrecherstaat rund um die Welt. Umso mehr wird vor diesem Hintergrund die Frage nach der Notwendigkeit Israels aktuell.
Um dieser Frage nachzugehen, zeigen wir heute den Film “Warum Israel” des jüdischen Regisseurs Claude Lanzmann.

Claude Lanzmann wurde 1925 in Paris geboren. Seine Familie lebte als assimilierte Juden in Frankreich. Bereits als Schüler der Lycée Condorcet musste Lanzmann erste Erfahrungen mit Antisemitismus machen. Nach der Besetzung von Paris Deutschland 1940 nahm sein Vater ihn und seine Geschwister mit in die Auvergne. Im Alter von 18 Jahren beteiligte sich Lanzmann, wie schon zuvor sein Vater, an der Résistance und nahm an Partisanenkämpfen teil. In dieser Zeit trat er auch in die Parti communiste français (Kommunistische Partei Frankreichs) ein. Nach dem Ende des
Nationalsozialismus studierte er ab 1947 in Tübingen Philosophie und arbeitete 1948/49 als Lektor an der Freien Universität Berlin. 1952 bot Lanzmann der französischen Zeitung Le Monde an, eine Serie über den gerade entstandenen Staat Israel zu schreiben. Die Zeitung nahm an und Lanzmann fuhr zum ersten Mal in seinem Leben nach Israel, dessen Gründung an ihm fast völlig vorbei gegangen war. Er wird unvermittelt mit jüdischer Kultur und einer jüdischen Welt konfrontiert, die er bis dahin nicht kannte und die in seinem Leben bisher keine Rolle gespielt hatte.
Seine jüdische Identität ergab sich nur aus seiner Erfahrung mit dem Antisemitismus. Die geplante Reportage kam nicht zustande, Lanzmann hätte nicht mit Neutralität über Israel schreiben können, denn zu persönlich und zu überwältigend waren die Eindrücke seiner Reise und die Fragen, welche er sich selbst stellte. Er begann daraufhin 1971 mit der Arbeit an Warum Israel, welche er schon 1973 vollendete. Aus 50 Stunden Material
entstand ein Film, der ein Plädoyer sein sollte. Ein Plädoyer für den Staat Israel und gegen die Infragestellung seines Existenzrechts. Lanzmann sagt über sein Werk, er habe den Film gemacht um auf eben diese Infragestellung zu antworten, um zu sagen “dass Israel kein Volk von Mördern, sondern ein Volk von Flüchtlingen ist.” Doch auch die erste Reise Lanzmanns schwingt im Film mit; die in jener Zeit entstanden und später vertieften persönlichen Fragen sind der unterschwellige Faden, der die Szenen verbindet: Was ist jüdische Identität? Was ist Normalität in einem
Staat, der ein jüdischer Staat sein soll und als Konsequenz aus der Shoah gegründet wurde? Und kann es eine solche dort überhaupt geben? Diesen und anderen Fragen geht Lanzmann in vielen Interviews mit unterschiedlichen israelischen Staatsbürgern nach. Die Antworten darauf sind aufgrund der jungen Historie des Landes verschieden und auch widersprüchlich, einig sind sich jedoch alle in einem Punkt: Die Normalität Israels ist das eigentlich Anormale.

Dabei bleibt die Shoah zentral, sowohl zur Beantwortung der Frage nach einer jüdischen Identität, als auch für eine Begründung Israels. Mindestens genauso zentral jedoch sind die in Israel lebenden jüdischen Menschen, die Lanzmann in den zahlreichen Interviews zu Wort kommen lässt. So beginnt der Film mit Gert Garnach, einem Shoah Überlebenden und ehemaligen Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland, dann folgen Aufnahmen aus der Gedenkstätte Yad Vashem und von Jugendlichen der ersten Generation in Israel Geborener, die eben jene besuchen. So ist es wohl genau dieser Doppelcharakter, welcher den jüdischen Staat zur Notwendigkeit macht: Zum einen seine Funktion als kapitalistischer und demokratisch verfasster Staat, zum anderen seine Gründung als Konsequenz der industriellen Vernichtung der europäischen Juden und seine bis Heute fortwährende Wirkung als Schutzraum für alle vom Antisemitismus Verfolgten. Die einzig richtige Antwort auf den Antisemitismus wäre die Aufhebung der kapitalistischen Verhältnisse und die Errichtung der Staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft, also dem Kommunismus. Doch solange Antisemitismus und seine Grundlage, der Kapitalismus, noch existieren, ist ein Schutzraum für die Juden und Jüdinnen notwendig und dieser muss zwangsläufig ein Staat sein, in dem die Juden die Mehrheit bilden, denn kein Staat dieser Welt hat jemals für die Sicherheit seiner jüdischen Bevölkerung vor dem antisemitischen Vernichtungswahn garantieren können. Es sollte selbstverständlich sein, dass der jüdische Staat für seine Bürger die gleichen Zumutungen beinhaltet, die Staatlichkeit im Allgemeinen inhärent sind. Dies ändert jedoch nichts an seiner Alternativlosigkeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt und, wie es aussieht, in nächster Zukunft. Und deswegen ist auch die bewaffnete Verteidigung des permanent in seiner Existenz bedrohten Staates alternativlos, obwohl in der Vergangenheit immer wieder Zugeständnisse und Friedensangebote, die mit erheblichen israelischen Gebietsverlusten einhergegangen wären, an die palästinensischen Verhandlungspartner gemacht wurden. Denn jene Organisationen, die im Namen der Palästinenser verhandelten und verhandeln, wollen keine Zweistaatenlösung, sondern eine Einstaatenlösung – ohne Israel. So lehnte beispielsweise Yassir Arafat 2000 in Camp David einen Vorschlag Ariel Sharons ab, der beinhaltete, dass Israel 90% (Sharon selbst sprach nachher von bis zu 97%) der Westbank geräumt und den Palästinensern für einen
eigenen Staat zur Verfügung gestellt hätte, einschließlich des größten Teils Ostjerusalems. Bill Clinton sagte damals zu Yassir Arafat: „You have been here 14 days and said no to everything“.

Sollte man also den Titel des heute gezeigten Film als Frage verstehen wollen, so kann die einzige Antwort nur lauten: Weil es notwendig ist. Genau dies wollte Claude Lanzmann auch mit seinem Film ausdrücken.